Giorgina Kazungu-Haß

Ihre SPD-Landtagsabgeordnete im Wahlkreis Neustadt - Haßloch - Lambrechter Tal

Ich danke Ihnen allen für das tolle Ergebnis bei der Landtagswahl, nun ist es geschafft, der Wahlkreis 42 hat wieder eine SPD-Landtagsabgeordnete!

Die Arbeit in Mainz und im Wahlkreis macht mir sehr große Freude. Damit Sie mich und meine Positionen besser kennen lernen können, habe ich einige Informationen auf dieser Homepage zusammengestellt.

Gerne lade ich Sie ein, mir und meiner Arbeit auch auf Facebook zu folgen.

Wenn Sie eine Kontaktaufnahme zu mir wünschen, schreiben Sie eine E-Mail oder rufen Sie in meinem Wahlkreisbüro unter der Nummer: 06321/4840171 an.

Jeden Montag biete ich eine Sprechstunde in meinen Wahlkreisbüro in Neustadt an, zur Vorbereitung und Koordination bitte ich Sie ihren Besuch vorher telefonisch oder per E-Mail anzukündigen.

Ihre Giorgina Kazungu-Haß

 

18.01.2017 in Allgemein

Kirche und Populismus. Rede zum Neujahrsempfang des Cartellverbandes Neustadt

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

zunächst einmal möchte ich mich bei Ihnen für die Einladung und ihre einleitenden Worte bedanken. Ich wünsche Ihnen allen ein vor allem gesundes 2017, alles andre lässt sich gemeinsam zum Guten wenden. Und genau mit diesem Optimismus möchte ich trotz aller Lasten, die bereits auf diesem jungen Jahre liegen, einen Anfang machen.

Überall wird nach Wegen gesucht, dem Rechtspopulismus, oder auch dem Linkspopulismus in Europa zu begegnen. In meiner Neujahrsrede heute, möchte ich die Chancen von Kirchen und Glauben beleuchten, nicht als Heilmittel GEGEN den Populismus, sondern als Alternative für ein friedliches und gemeinschaftliches Zusammenleben. Ich spreche zu Ihnen als Politikerin, aber eben auch als Religionslehrerin, als Christin und als Mutter, die voller Hoffnung vier Kinder zur Welt gebracht hat, um deren Zukunft ich mich sorge. Nicht voller Angst, sondern mit Zuversicht.

Krisenhafte Zeiten sind nicht nur defizitär zu betrachten, als Abwesenheit von Ordnung, als Gefahr für Frieden und Wohlstand, oder für viele - ganz tatsächlich und furchtbar -  für Leib und Leben. Sie sind gleichzeitig in einer Ambivalenz des kollektiven Gefühls auch Zeiten des Aufbruchs, der Neukonstituierung, des Wechsels. Nur wohin dieser führt, diese Steine sind nun zu legen, diese Wegweiser zu zimmern. Ich möchte dazu heute einige Denkanstöße und Fragezeichen formulieren und Sie anregen, diese weiterzudenken und gemeinsam daran zu arbeiten, „alles andere zum Guten zu wenden.“

 

„Gottes zu bedürfen ist des Menschen höchste Vollkommenheit.“ Sören Kierkegaard hat versucht mit diesem einen Satz das Wesen des Glaubens zu beschreiben. Er bezieht sich dabei auf den 2. Korintherbrief in dem das Angebot Gottes an uns Menschen im Kapitel 12 Vers 9 formuliert ist: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in deiner Schwachheit.“

Aber wie wird dieses Bedürfnis geweckt, was ist der Weg zum Glauben? Was ist, wenn wir uns auf diesem Weg verirren?

Der vernunftbegabte Mensch erkennt seine Schuldhaftigkeit des eigenen Seins sehr früh. Es scheint so, als ob unser eigenes Bewusstsein, unser sich „selbst-bewusst sein“,  uns unweigerlich auf unsere Fehlerhaftigkeit, unsere Absenz vom Paradies zurückwirft. Sobald wir über unsere Existenz nachdenken, empfinden wir uns als getrennt vom reinen Guten. Es muss so sein, denn unsere Existenz können wir nur durch unser eigenes Dasein definieren. Wir sind vom ersten Atemzug verweltlicht. Die Trennung von der Mutter bei der Geburt in das helle Licht der Welt, ist quasi der Start in eine Umgebung, die ungeschützt auf uns herniederprasselt. Der „Rauswurf“ aus dem Paradies beginnt am Tage unserer Geburt.

Es wird uns bewusst, wie alleine wir sind, unverbunden. Wärme und Kälte bekommen einen Zusammenhang, Satt sein und Hunger, Nähe und Distanz.

Wir spüren früh, dass uns alles verloren gehen mag. Die Angst schleicht sich in unser Leben. Und sie bleibt.

Angst ist eine grundlegende und zutiefst menschliche Eigenschaft.

Wenn man sich die heutige Zeit betrachtet, kann man das Gefühl haben, dass wir uns sogar einzig und alleine davon leiten lassen.

Warum ist das so? Wir sind doch aufgeklärt? Wir wissen uns doch vor so vielem zu wehren, gerade in Mitteleuropa ging es den Menschen nie so gut wie heute. Dennoch hat man das Gefühl in gerade apokalyptischen Zeiten zu leben.

Vor Jahren schon hat man sich Gedanken über die Auswirkungen der Globalisierung gemacht. Aber trotz aller Unkenrufe, hat sich diese Problematik nicht gesellschaftlich als Angstmacher verfestigen können. Besonders in der westlichen Welt waren ja zuallererst vor allem Vorteile zu spüren. Für 15 Euro nach Mailand fliegen, Südfrüchte im Aldi, oder billigen Kaffee kaufen, wir saßen nicht mehr nur in Haßloch auf der Terrasse, wir konnten Wein aus Südafrika trinken und ihn mit dem Riesling aus Mußbach vergleichen. Zum gleichen Preis. Dass der Nachbar, plötzlich auch nachts mit seinen Kollegen telefonieren musste, weil sie die Abteilung über den ganzen Erdball verteilt haben und so die „Conference Calls“ eben nicht um 15:00 Ortszeit in Deutschland, sondern eben auch mal um 15:00 Ortszeit in Australien, wo Frau und Kinder schon selig in ihren Betten in Haßloch schliefen, stattfanden, betraf nur einige. Selbst die Entlassungen aufgrund der Globalisierung halten sich bis heute in Grenzen, zurzeit haben wir eine historisch hohe Beschäftigungsquote.

Es ist etwas Anderes, das uns umtreibt. Es ist die Information. Die ständige Information, der keiner mehr ausweichen kann. Früher musste man schon Minister oder vielleicht sogar Kanzler sein, um sich ständig mit dem gesamten Leid der Welt konfrontiert zu sehen, oft wurde genau das als besondere Last des Amtes beschrieben. Heute ist jeder dieser Taktung ausgesetzt, egal ob er möchte, oder nicht. Ich bin Charlie, Ich bin Brüssel, Ich bin Paris, Ich bin Berlin, Ich bin Istanbul, Ich bin Jerusalem.

Wir werden mit Meldungen „bepushtabt“, egal ob wir unser Kind baden, unser erstes Date haben, unsere Mutter besuchen, oder krank im Bett liegen.

Anders aber als ein Kanzler, können wir in der Regel erstmal gar nichts machen, außer unser Profilbild bei Facebook ändern und traurige Smileys posten. Und wenn wir nichts fühlen, dann schämen wir uns und schreiben auf Twitter: „Ihr anderen seid alle Heuchler!“.

Das Netz hat uns porös gemacht und durchdringt uns mit so viel Welt, dass wir unsere Angst nur noch schlecht ausschalten können, es piepst und brummt immer irgendein mobiles Endgerät in unserer Nähe.

So mussten sich die Menschen im Mittelalter gefühlt haben, für die bereits ein Gewitter ein unerklärliches Ereignis war. Da war schon der Gang vor die eigene Haustüre ein Stück weit Überwindung. Heute ist es nicht unbedingt das fehlende Wissen über die Dinge, es sind die vielen Gefühle, die bereits durch jede Türe im Haus und jedes Fenster auf unserem Frühstückstisch landen. Und das, wo wir doch immer noch auf der Suche sind nur mit unseren eigenen Gefühlen in Harmonie zu gelangen. Nicht ohne Grund boomt der Buddhismus als Lifestylereligion, werden oft sehr hermetische Freikirchen den Amtskirchen vorgezogen und der Narzissmus nimmt großen Raum in unserer Gesellschaft ein.

Angst ist ein lähmendes und unangenehmes Gefühl. Durch Angst entsteht sofort ein enormer Handlungsdruck, niemand mag lange in Angst verharren.

Welche Wegweiser werden gezimmert? Auf welchem befestigten Weg lässt es sich in dieser unübersichtlichen Welt sicher laufen?

Der Glaube und der Populismus setzen an derselben Stelle an: Sie beginnen bei der Angst des Menschen.

Das Angebot des Populismus ist leicht beschrieben. Angst mündet in nationalistischer Ausgrenzungspolitik, übrigens ganz egal, ob links oder rechts motiviert, das begrenzen ist ein Zugeständnis an unsere ganz natürliche Angst vor dem – zunächst – Unüberschaubaren. Gerade der Rechtspopulismus konzentriert sich dabei auch auf rassistisch motivierte Ausgrenzung. Geschickt setzt er dabei am Fremdheitsgefühl an, anstatt die Neugier auf die Gemeinsamkeiten zu lenken, werden vermeintliche Unterschiede bis ins Absurde hinein hochstilisiert. Rassismus zeigt seine völlig sinnfreie Seite übrigens, wenn man bedenkt, dass mein Vater Schwarzer ist und aus Kenia stammt und meine Kinder die ebenfalls einen weißen Vater haben, bereits kaum noch afrikanisch aussehen, mein jüngstes Kind ist sogar blond und blauäugig…

Aber es geht nicht um Fakten bei den Populisten, sie sind die Kriegsgewinnler im Kampf um die Emotionen, sie sind das laute Angebot, vor allem in den sozialen Netzwerken, sie geben einfache und schnelle Antworten. Ganz entscheidend ist dabei: Sie geben den Ängstlichen das Gefühl von Macht über die eigene Situation. Sie machen sie wehrhaft. Sie machen sie „angstfrei“.

Dorothee Sölle hat in einem Aufsatz aus dem Jahre 1983 über Kierkegaards Zitat folgendes ausgeführt: „Angst ist eine Vorbedingung des Glaubens; der angstfreie Geistlose kann nicht glauben, weil ihn nichts dazu nötigt. Er hält sich weiter an Bomben und Aktien.“

Mit „Geistlose“ sind die Menschen gemeint, die den heiligen Geist nicht spüren können oder wollen, da sie eben nicht glauben. Ich möchte den Begriff aber weiter öffnen. Ich glaube, dass es für den heiligen Geist keinen Alleinvertretungsanspruch der Kirchen gibt. Wäre das so, dann würden wir für den Missbrauch des Glaubens argumentatorisch weiter Tür und Tor öffnen. Wie würde sich da der islamistische Terror einordnen lassen? Das möchte ich heute an dieser Stelle nicht diskutieren, wobei ich eine These in den Raum stelle: Islamistischer Terror ist „geistlos“ und eine mit Religion gefärbte, radikale, rechtpopulistische politische Strömung, die den Glauben missbraucht.

Der heilige Geist ist vor allem Mut und Vertrauen, Liebe und Zugewandtheit zu Welt, wer sich davon beseelen lässt, unter welchem Markennamen auch immer, wächst über sich hinaus, weil er nicht mehr alleine ist.

Zurück zu den Amtskirchen in unserem Land, die ich ja genauer betrachten möchte.

 

Das Gegenangebot zum Populismus ist der Glauben. Das Ende der Angst.

„Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in deiner Schwachheit.“

In Jesus Christus neu konstituiert, erfahren Menschen einen wunderbaren Wechsel, die objektive Versöhnung mit der Schuld. Es ist Selbstvertrauen und viel mehr als das, was diese Gewissheit hervorbringt, es ist das Vertrauen in den guten Willen des Schöpfers, dessen Werk der Mensch auf Erden tun mag. Ein gläubiger Christ kann niemals ein Populist sein, er ist fernab zerstörerischer Angst.

Kardinal Woelki fasste dies in Bezug zum Rechtspopulismus vor ein paar Tagen so zusammen:

„Die Kirche lehnt die Frontstellung im Rechtspopulismus ab. […] Stattdessen tritt sie für die ethische, kulturelle und religiöse Vielfalt ein. Christen unterscheiden nicht nach Herkunft, Kultur oder Religion, sondern erkennen in jedem Menschen das Abbild Gottes.“

Wenn also diese Populisten vor dem Kanzleramt stehen und Weihnachtslieder singen, dann missbrauchen sie den Glauben, so wie das auf der ganzen Welt auch andere tun, oder in den letzten Jahrhunderten getan haben. Wenn sie davon reden, dass christliche Abendland schützen zu wollen, dann sollten sie zuerst eines unterlassen: Für dieses christliche Abendland zu sprechen. Sie haben sich die Legitimation dafür selbst abgesprochen, denn sie setzen an die Stelle des Glaubens an Gott, ihre Ideologie.

Der Populismus ist die Abkehr von der Liebe Gottes, früher hatte man dafür ein Wort: Sünde.

Ich danke Ihnen für Ihre Zeit und Ihr Wort und wünsche Ihnen nochmals ein gesundes und erfolgreiches Jahr 2017.

 

Vielen Dank.

 

 

 

 

 

 

 

 

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